Weisheit oder Wohlbefinden?

von Elisabeth Michel-Alder

Auf den Misthaufen mit der Auffassung, dass die menschliche Persönlichkeit mit rund 30 Jahren gefestigt sei! Dazu rät die deutsche, in New York lehrende Psychologieprofessorin Ursula Staudinger aufgrund ihrer Forschung zur Entwicklung im Lauf der Lebensspanne. Umstände und Erwartungen, nicht Biologie, hätten zu frühem Einrosten der Handlungsmuster geführt.

Keuz und quer durch Welt und Kulturen gilt die Regel, dass über die Lebensspanne hinweg Zuverlässigkeit, Umgänglichkeit und emotionale Stabilität zunehmen. Grund ist alltägliches Training, weil wir alle ja in verschiedenen Gruppen zusammenleben und -wirken. Dafür nimmt im Alter von ca. 40 Jahren übers Ganze gesehen die Offenheit für neue Erfahrungen ab. Warum? Biologie? Nein. Weil die Mehrzahl der Leute diese Erwartung an sich haben und sich entsprechend verschliessen.

Doch die Wende ist in Sicht. Immer häufiger wechseln Personen in der Mitte ihres Lebens die Richtung. Neue Liebe, andere Arbeit, ferne Lande. Und es funktioniert! Wer Veränderungen gut meistert, kommt auf den Geschmack und setzt auf Dynamik. Sie oder er profitiert vom Lernzuwachs, erweitert die Kompetenz und trifft klügere Lebensentscheidungen.

Letzteres meint U. Staudinger, wenn sie von Weisheit spricht. Wohlbefinden assoziiert sie mit "so bleiben, wie ich bin". Auch eine gute Wahl - allerdings mit Vermeidung von Risiken und Umgehen grosser Anstrengungen verbunden. Sie selbst ist mit Mitte 50 in die USA ausgewandert und hat beruflich einen Neuanfang gewagt.

Zweifellos muss sie dennoch nicht ganz auf Wohlbefinden verzichten.

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